Der Text 2016

Weißes Wasser


„Vorerst reicht westliche Einsicht

in das Fragmentarische der eigenen teildeutschen

Geschichte. Noch besser wäre ein bisschen trans-

elbische Bewanderung.“ Christoph Dieckmann, 2010



Kairos, der Gott des günstigen Augenblicks, des richtigen Zeitpunkts: Er hat geflügelte Füsse; er geht, nein, er fliegt geradezu vorbei, also muss man, ohne zu zögern, nach ihm greifen; eine Haarlocke fällt ihm in die Stirn, an der kann man ihn packen. Einen Moment später ist es schon zu spät – sein Hinterkopf ist kahl, da ist nichts mehr, woran man ihn festhalten kann.

Daran denke ich jetzt, hier an der Elbe. Hinter mir: gut erhaltene Höfe und Häuser mit Reetdach und Fachwerk. Und der Wald, durch den ich gekommen bin, die geklinkerte Straße entlang, die fast bis zum Ufer führt; hier öffnet sich das Bild und weitet sich der Blick.

Die Elbauen. Störche, Kraniche, Wildgänse, an diesem Fluss, der von Tschechien kommt, dort noch Labe heißt, was ebenso wie der deutsche Name Elbe vom indo­germanischen albho stammt: Weiß. Weißes Wasser, das weiter nach Hamburg und bis in die Nordsee fließt. Man kann das Meer schon beinahe riechen.

Von hier aus ist er geflohen, dieser junge Mann, von dem mir der Alte erzählt, der jetzt neben mir steht; er sagt: „Da vorn ist mal einer über den Zaun geklettert und ins Wasser gesprungen.“

Er deutet den Weg entlang.

„Einer, den Sie kannten?“, frage ich.

„Natürlich“, sagt er. „Hier kannte ja jeder jeden. Ist heute noch so.“

Der Zaun ist längst weg. Wir stehen vor dem letzten Stück, das davon übrig geblieben ist, als Mahn­mal, als Erinnerung. Wir stehen da, als könnte man nicht längst daran vorbei gehen, rechts oder links, näher ans Wasser; oder einfach weiter laufen, immer der Elbe nach.

„Der hatte nur das Wasser im Sinn. Wollte zur See. Träumte davon, Kapitän zu werden. Dabei ließen sie ihn nicht einmal in einer Werft oder im Hafen arbeiten.“

„Warum?“

„Na, weil er Westverwandtschaft hatte.“

Der Zaun ist engmaschig, man sieht die Landschaft dahinter wie durch einen blaugrauen Schleier. Ein kleines Stück Schleier vor grüner Ufer­landschaft. Ein stilles, ein ruhiges Bild.

„Und was machen Sie hier?“, fragt der Mann übergangslos und meint damit wohl: in dieser Gegend.

„Eine Radtour“, sage ich, „bloß ein paar Tage.“

„Ah ja“, sagt er.

Immer wieder komme ich unterwegs mit Menschen in Gespräch. Am Abend zuvor, auf dem Weg zur Pension, kam mir ein junger Afrikaner entgegen, ich mit dem Rad, er zu Fuß, nah an mir vorbei, ich nickte ihm zu und war schon vorbei, da rief er „Hello?“ – Ich hielt an. Er, noch einmal: „Hello?“

Ich drehte mich um, er kam auf mich zu, dann stand er vor mir. Ohne nach dem Weg zu fragen, ohne um Feuer, eine Zigarette oder was auch immer zu bitten, er stand einfach vor mir und sah mich an. Ich lächelte, verwirrt, etwas ratlos, und um irgendetwas zu sagen, fragte ich: „What´s your name?“ Er verstand mich nicht. Alles um ihn herum schien neu zu sein für ihn; ich fragte, „Where are you from?“ und er sagte etwas, was ich nicht einmal ansatzweise wiederholen könnte. Es gab keine Sprache, in der wir uns hätten verständigen können. Ich wusste nicht weiter, ebenso wenig wie er. Schließlich nickte ich ihm zu, wünsche ihm alles Gute, er nickte, lächelte zurück, ich fuhr weiter. –

„Da könnten Sie übernachten“, sagt der alte Mann neben mir. Er deutet nach oben, zum alten Wachturm. Auch der steht noch da.

„Ist jetzt eine Ferienwohnung“, sagt er.

Ich sehe hoch: Der Turm ist mit Efeu bewachsen, es steht ihm buchstäblich bis zum Hals. Die Fenster, in denen Gardinen hängen, sehen aus wie die schmalen Augen einer bösartigen Comicfigur. Von diesen Fenstern aus wurden die Menschen hier mehr als zwei Jahrzehnte lang beobachtet und bewacht.

Wir stehen da.

„Da kann man übernachten?“

„Naja,“ sagt der Mann aus dem Dorf. „Ist nicht so das Wahre. Es ist halt noch immer der Turm.“

Und er erzählt weiter von dem Jungen, den ich in Gedanken Kai nenne, weil er mich so an Kairos erinnert.

„Wie alt war er denn?“

„Siebzehn, achtzehn“, sagt der Alte. „Um das Land auf legalem Weg zu verlassen, hätte er doppelt so alt werden müssen.“

Was er damals natürlich nicht wissen konnte. Ob es einen Unterschied gemacht hätte, wenn man es ihm damals gesagt hätte: Siebzehn, achtzehn Jahre. Dann wird es wieder Fährschiffe geben. Und Brücken. Vielleicht erwischst du Kairos, wenn du jetzt ins Wasser springst. Aber wenn nicht –

Die Elbe fließt hier in einem Bogen um die Landzunge herum, auf der das Dorf liegt, so dass früher, von diesem Stück Land aus gesehen, zu drei Seiten hin der Westen war. Ein Sprung­brett. „Das ging natürlich nicht für die Staats­sicherung“, sagt der Mann. „Deshalb wurde das Dorf zur Elbe hin abgeschottet. Und später dann komplett eingezäunt. Wir konnten das Dorf nur noch durch ein einziges Tor verlassen und wieder betreten. Nur mit Passierschein, und nur zu bestimmten Tages­zeiten.“

„Genau genommen“, fügt er hinzu, „waren wir gar keine Einwohner mehr. Wir hatten nur noch eine Aufenthaltserlaubnis.“

Kai ist gesprungen. Ins Weisse Wasser – damals der schmutzigste Fluss Europas, steht in meinem Radreiseführer. Als man sich 1990 daran machte, ihn zu kategorisieren, reichten die alten Maßtabellen nicht aus, man musste erst eine weitere Kategorie erfinden, um das Ausmaß der Verschmutzung beschreiben zu können: Gewässer­güte: Stufe 8. Wasser­qualität: Ökologisch zerstört. Der Schadstoffgehalt ist längst gesunken, stellenweise um neunzig Prozent. Und selbst die restlichen zehn Prozent der früheren Belastung kann man sich hier kaum vorstellen, so unberührt wirkte die Landschaft der letzten Tage, durch die ich geradelt bin.

„Der Eigentümer soll es schön ausgebaut und her­gerichtet haben“, sagt der alte Mann. Ich begreife erst nicht. Er meint den Turm.

„Waren Sie denn mal oben?“

„Gleich nach der Öffnung, ja. Nachher nie wieder. Es gab ein großes Fest hier, ein richtig großes Spektakel, und jeder durfte mal rauf.“

„Das war sicher ...“

„Überwältigend, ja, schon. Aber nachher – kommen Sie, der Aussichtsturm der Naturwacht“, sagt er, plötzlich mit energischer Stimme. „Da müssen Sie unbedingt hoch!“

Er führt mich näher ans Ufer, zum Aussichtsturm. Ich steige die Leiter hinauf. Er bleibt auf den Stufen stehen, schaut mir zu, wie ich in die Landschaft schaue. Wie stolz er ist; stolz auf das, was ich sehe: Ein herrlicher Blick über die Elbauen.

Nach hinten, zum Dorf hin, ist die Sicht von Holzbrettern versperrt.

„Der neue Eigentümer vom Wachturm wollte das so“, sagt der Alte. „Es hat ihn gestört, dass man von hier aus immer zu ihm hineinschauen konnte. Er ist gar nicht oft da. Aber es musste eben zugemacht werden.“

Staatsgrenzen, Dorfgrenzen. Zäune, Stachel­draht. Versperrte Wege, versperrte Aussichten. Heute ist der Blick zur Elbe hin frei, und dafür nach hinten, zum Wachturm hin blockiert. Weil jemand ihn gekauft und daraus ein Feriendomizil gemacht hat.

„Kommen Sie“, sagt er, als spüre er, wie befangen ich bin. Ich steige wieder herab.

„Als ich Kind war, in den Fünfzigerjahren“, sagt er, „konnte man noch bis an die Elbe laufen. Anfang der Sechziger war das Baden und Angeln dann verboten.“

„Es ist schon so viele Jahre her“, sagt er, „aber noch heute, wenn ich Polizisten sehe – es hat sich schon ein wenig gegeben, aber es ist noch nicht weg.“

Was dieses Etwas ist, das noch nicht weg ist, sagt er nicht.

Der, den ich in Gedanken Kai nenne, hatte irgendwann wohl genug. Ich stelle mir vor, wie er am Zaun stand, um die Risiken seiner Flucht ab­zuschätzen. Die Elbe mit ihrer Strömung, den unberechenbaren Strudeln. Wie hat er es geschafft?

„Und dennoch – meine Töchter hatten eine glückliche Kindheit hier“, sagt der Alte. „Ehrlich gesagt, als sie noch klein waren, war meine Frau auch ganz froh, dass der Zaun da war.“

Er sieht meinen fassungslosen Blick.

„Dass sie nicht ins Wasser fallen konnten“, erklärt er. „Das Wasser zieht Kinder ja ungemein an.“

Anfang der 1970er Jahre, habe ich einmal gelesen, fiel ein Kind in Berlin auf westdeutscher Seite in die Spree. Der westdeutsche Angler, der das Kind aus dem Wasser holen wollte, wagte es nicht. Er hätte riskiert, erschossen zu werden, weil der Fluss dort in ganzer Breite zum DDR-Gebiet gehörte. Eineinhalb Stunden lang standen Feuerwehr, Taucher und Polizei hilflos auf der west­deutschen Seite, bis der Junge vom Ostufer aus geborgen wurde. Tot.

Ich weiß nicht, wie alt das Kind war. Wenn ich versuche, es mir vorzustellen, sehe ich das Bild des dreijährigen Alyan Kurdi vor mir, des Jungen im roten T-Shirt, das vor wenigen Monaten um die Welt ging. Auf der Flucht übers Meer ertrunken, eben­so wie seine Mutter und sein etwas älterer Bruder.

„Wie hat er es geschafft?“, frage ich. „Dieser junge Mann?“

„Er wusste, dass das Boot der westdeutschen Zöllner immer wieder vorbeifuhr. Er hat gewartet, bis es in der Nähe war. Er lief einfach los, rauf auf den Zaun, drei Meter hoch, auf die andere Seite, dann die paar Meter zum Ufer und ins Wasser. Er schwamm bis zum Boot, sie zogen ihn hinein, und er legte sich flach auf den Boden, bis sie am westdeutschen Ufer waren.“

Wir schweigen eine Weile. Dann sagt der Alte: „Ich konnte ihn schon verstehen. Manch­mal hat man einen richtigen Hass in sich gehabt.“

„Kann ich mir vorstellen“, sage ich. Dabei bin ich mir gar nicht sicher, ob ich das wirklich kann.

„Was ist aus ihm geworden?“, frage ich.

„Weiß ich nicht.“

„Aber Sie haben ihn nicht vergessen.“

„Natürlich nicht. Wie könnte ich.“

Jetzt erst merke ich, wie müde und hungrig ich bin.

„Ich muss allmählich los“, sage ich.

„Ja“, sagt der Mann, „Sie haben Recht, um diese Jahreszeit wird es hier sehr früh und sehr plötzlich dunkel.“

Beim Weiterradeln: heftiger Gegenwind. Ich wüsste gerne, was Kai auf der anderen Seite gefunden hat. Und ich denke an den jungen Mann, den Afrikaner, der mir am Abend zuvor gegenüberstand. Woher er wohl kam. Und wie? Übers Meer? Was er hinter sich gelassen hat. Was er erlebt hat – einen Moment, in dem er Kairos am Schopf gepackt und dabei einfach Glück gehabt hat? Oder eine Odyssee, die längst nicht zu Ende ist? Ich stelle mir vor, wie es gewesen wäre, noch eine Weile mit ihm zusammen zu sitzen, mit ihm reden zu können, mir von ihm, von seiner Geschichte erzählen zu lassen.

DIE KOOGSCHREIBERIN 2016

HEISST: SIMONE REGINA ADAMS


Die Autorin auf ihrer Webseite













J. Monika Walther

Mitglied der Jury 2016



Für die Koogschreiberei 2016 wurden diesmal ungewöhnlich viele gute Texte eingereicht:


Von der Jury bekamen die meisten Punkte die Autorin Simone Regina Adams, mit einem Punkt weniger wurde die Schriftstellerin Monika Detering ausgezeichnet, danach folgen (wieder einen Punkt weniger) Bea Schilling, Selma Mahlknecht und Antje Ippersen. Dicht auf dicht geht es so weiter, ehe der Faden reißt. Texte von Ina May, Gudrun Lerchbaum,Claudia Breitsprecher, Elisabeth Kaestli, Ulrike Anna Bleier, Franziska Brunn, Silvia Berger sind zu nennen.


Für mich als Mitglied der Jury war es spannend so viele gute Texte zu "Grenzen" zu lesen. Danke an alle.